Comeback mit Kalkül

Das steckt hinter dem Line-Up des Open Air St. Gallen 2026

Warum das Line-Up des Open Air St. Gallen 2026 die Antwort auf die schwach besuchte 2025er-Ausgabe ist – und was das Plakat nicht zeigt.
Bildgebastle, das eine Line-Up-Analyse darstellen soll.
Bildgebastle, das eine Line-Up-Analyse darstellen soll.Photo: Montage / openairguide.net

Der Plan war perfekt aufgegangen. Einen Tag nach seinem unerwarteten Comeback am Glastonbury stand Lewis Capaldi letztes Jahr überraschend im Sittertobel auf der Bühne – und das Open Air St. Gallen in den Schlagzeilen und Social-Feeds.

Virale Videos und bestes Wetter helfen dem Vorverkauf für die nächste Ausgabe. Das ist ein bekanntes Muster. Doch das allein erklärt noch nicht, warum das Open Air St. Gallen 2026 nach der schwachen Besucherzahl im Vorjahr wieder auf den Ausverkauf zusteuert.

Der Headliner, der [leider] passt

Mit Twenty One Pilots hat man sich einen Act geangelt, der diesen Sommer an über 20 Festivals weltweit einen Top-Slot besetzt. Und – so ehrlich und realistisch muss man sein – ideal zur heutigen Ausrichtung und ticketkaufenden Zielgruppe des Open Airs passt.

Gar noch einen Schritt weiter gehts mit Zara Larsson, dem ersten weiblichen Act im Sittertobel aus dem internationalen Mainstream-Pop. Auch sie mit über 20 Major-Festivalshows in Europa und Übersee. Auch ihr Engagement hat sich laut Angaben des Festivals bereits wortwörtlich ausgezahlt.

Zwei globale Radio-Acts als Zugpferde – fair enough, dass solche Buchungen bei langjährigen Festivalbesuchern eher Bauchschmerzen auslösen. Aber: Die Aufwand/Ertrag-Rechnung wäre bei den anderen grossen Kalibern dieses Festivalsommers wie The Cure, Gorillaz, Nick Cave oder The xx nicht aufgegangen. Zu gross, zu teuer, zu riskant.

Und dann kam auch noch Routing-Pech dazu. Mumford & Sons wären wohl der passendste Headliner gewesen – die erste ihrer nur 6 Europa-Shows diesen Sommer spielen sie aber erst drei Tage nach dem Open Air St. Gallen. Dasselbe bei Lorde. Sie, deren Schweizer Konzerte (wie auch das OASG) von Gadget veranstaltet werden, wäre eine der naheliegendsten Optionen gewesen. Wenn nicht auch sie ihre Festivaltour 11 Tage «zu spät» angesetzt hätte – und nun halt am Gurtenfestival und am Paléo Festival auftreten wird.

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Objektiv nachweisbar: Mehr Indie-Qualität, als man meint

Statt Lorde hat das Open Air St. Gallen dafür drei andere starke, ebenfalls weltweit angesagte Female-(Indie-)Acts gekriegt. Mit den leichtfüssigen Wet Leg mit ihren 180 Millionen Spotify-Plays. Mit CMAT, der herrlich überdrehten und mitreissenden Irin, die mit ihrer Bühnenpräsenz längst nicht nur die Festivalcrowds in Grossbritannien auf ihre Seite gezogen hat. Und mit den mittlerweile durchgestarteten Florence Road, die das Open Air St. Gallen wohl gerade noch zum richtigen Zeitpunkt erwischen konnte.

CMAT und Florence Road sind Teil eines Fakts, der für das Line-Up spricht: 7 Bandüberschneidungen mit dem Rock Werchter – mehr als in den letzten Jahren. Das ist ein Qualitätsmerkmal. Zumal Werchter im Zeitraum des Open Air St. Gallen – neben dem 2026 pausierenden Glastonbury – das am besten kuratierte Major-Festival Europas ist. Je mehr Werchter-Bands im Sittertobel spielen, desto besser wurde gebucht, was diese Woche wirklich verfügbar ist.

Und es ist nicht nur Werchter. Auch mit dem Primavera Sound Barcelona, den holländischen Best Kept Secret und Down The Rabbit Hole sowie dem Pukkelpop in Belgien gibt es dieses Jahr mehr Überschneidungen als üblich – Festivals, deren Indie-Buchungen als verlässliches Gütesiegel gelten. Hoi The Sophs, Dressed Like Boys, DON WEST, Jalen Ngonda oder auch supermodel*.

Meine 5 Must-Sees

  • The Sophs
    Aus dem Nichts innert Monaten in die Line-Ups vieler renommierter Festivals gerutscht – zu Recht. Irgendwie The-Strokes-Vibes, aber dreckiger, mehr Garage, mehr Post-Punk. Schon wieder eine INTRO-Stage-Perle zum Abschluss. Sonntag, 1705, INTRO.
  • Florence Road
    Als Support-Act mit Wolf Alice und The Last Dinner Party unterwegs gewesen. Und genau so klingts, yes! Samstag, 1645, Sternenbühne.
  • Modeselektor
    Zürich Openair 2019 unvergessen. Endlich mal in St. Gallen! Samstagnacht, 0100, Sternenbühne.
  • CMAT
    Wunderbar überdreht und mitreissend. Sternenbühne wäre aber wohl lässiger gewesen. Samstag, 1745, Sitterbühne.
  • little grandad
    Gerade netter Indie-Hype um sie in UK. Live anscheinend äusserst gut. Freitag, 2335, INTRO.

Was passiert, wenn der Druck steigt

Die prickelnden, mehrheitlich kleinen Indie-Namen ändern aber nichts daran, dass das St. Galler Line-Up auch 2026 von deutschen Mainstream-Acts geprägt ist. Nina Chuba, Zartmann, Souly, Ritter Lean sind nicht die spannendsten Namen auf einem Festivalplakat. Aber sie sind nachvollziehbar. Weil sie die sind, die mit der Garantie kommen, dass sie ihre Schweizer Konzerte konstant ausverkaufen. Ein unwiderstehliches Argument für Festivals unter finanziellem Druck.

In solchen Situationen braucht es neben sicheren Werten aber auch kleine Experimente. Wie etwa den Venezolaner Danny Ocean am Freitag um 2245 auf der Sternenbühne. Er ist der erste internationale Latin-Pop-Act am Open Air St. Gallen. Und ein Testlauf, ob Latin und Reggaeton wie am Gurtenfestival auch im Sittertobel ein Publikum finden.

Kudos für den Mut zu Experimenten. Weniger Kudos, wenn sichere Werte über einstige Prinzipien gestellt werden. Die Älteren mögen sich erinnern: Vor ein paar Jahren war es noch undenkbar, einen Act wie Scooter in Sittertobel zu buchen. 2026 ist es soweit – und es ist ein doppeltes Novum. Noch nie wurde ein internationaler Act zuerst ans SummerDays Festival in Arbon (für ein älteres Publikum) gebucht und erst später fürs Open Air St. Gallen.

Wann wird der Fish too much?

Dass Scooter nun doch den samstäglichen Late-Night-Slot auf der Sitterbühne besetzen, hat mehrere Gründe: Die Gen Z feiert sie, HP Baxxter & Co gehören zum Gadget-Roster – und das Festival hat seine strategische Ausrichtung 2026 definitiv angepasst.

Party-Acts im Sittertobel sind nichts Neues. Dass sie – wie SDP und Scooter – unter den Top-5-Namen ganz oben auf dem Festivalplakat auftauchen, hingegen schon. Das ist ein Statement.

Und dann war da noch der letzte leere Slot im Timetable. Die Auflösung drei Tage vor Festivalstart: Filow, Techno-Rapper aus Deutschland. Yay, noch mehr Party! Die Samstags-Primetime auf den drei Bühnen somit: deutscher Mainstream, deutscher Party-Rave, deutscher Party-Rap und Schweizer Hip-Hop. Vier Slots, wenig Ausgewogenheit. Und eine Frage, die bleibt: Wie viel mehr davon verträgt das Open Air St. Gallen noch, bevor aus dem traditionsreichen Musikfestival nur noch eine gewöhnliche, teure Mainstream-Party wird?


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