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Donnerstag, 01. Juli 2010, 02:08 Uhr. elb. Das Open Air St. Gallen erfährt 2010 trotz bestem Wetter einen Zuschauereinbruch. Einigen Widrigkeiten zum Trotz fällt das Fazit aber dennoch positiv aus. Ein ausführlicher Bericht Die Sportfreunde Stiller am Open Air St. Gallen 2010 Photo: zVg., Open Air St. Gallen Die Sportfreunde Stiller am Open Air St. Gallen 2010
Optimales Festivalwetter mit Sonnenschein an allen vier Tagen bei Temperaturen an die 30 Grad Celsius und kein Tropfen Regen. Und doch ist das diesjährige Open Air St. Gallen am vergangenen Wochenende nicht perfekt verlaufen. Insgesamt 'nur' 82'000 Besucher (10'000 Nachtschwärmer, die bereits am Donnerstag angereist waren, plus drei Mal 24'000 Tageseintritte für Freitag bis Sonntag) kamen ins Sittertobel und trübten damit die Bilanz des Festivals merklich. Es war dies die tiefste Zuschauerzahl seit vier Jahren. Zum Ausverkauf fehlten 6'000 Tageseintritte.

Dabei war alles nach dem bewährten Erfolgsrezept der vergangenen Ausgaben angerichtet gewesen. Ein ausgewogenes Line-Up, ohne die ganz grossen Namen und hauptsächlich bestehend aus Bands aus den Sparten Indie, Rock und Elektro. Daran dürfte es im Endeffekt auch nicht gelegen haben, dass das 34. Open Air St. Gallen einen derartigen Besucherschwund zu beklagen hatte.

Vielmehr sorgten im Vorfeld einige Neuerungen, die vom Festival dieses Jahr eingeführt worden waren, für Aufruhr. Allen voran die Einfuhrlimitierung für Getränke - drei Liter pro Person - stiess vielerorts auf Unverständnis und
dürfte die Veranstalter einige Sympathien (und Besucher) gekostet haben.

Die fehlende Zugabe

Musikalisch begann das Open Air St. Gallen 2010 vielversprechend. Bereits am Donnerstag trafen die ersten 10'000 Zuschauer auf dem Gelände im Sittertobel ein. Gespielt wurde an diesem Abend ausschliesslich auf der zweiten Bühne (Sternenbühne) im Zelt. Zweite Wahl war aber keineswegs die Qualität der Bands. Höhepunkt war der einzige Schweizer Auftritt der Sportfreunde Stiller in der Unplugged-Version mit Bläsern und Streichern. Das äusserst gute und sympathische Konzert der deutschen Band wurde leider von einem Flaschenwurf aus dem Publikum auf das Cello der Band, das dabei offenbar kaputt ging, überschattet. So war die Band danach nicht mehr im Stande, die letzte Zugabe ('Ich Roque') auch noch zu spielen und brach den Auftritt umgehend ab.

Als Highlight für den Freitag war der exklusive Auftritt der US-Band The Strokes angekündigt. Die Band zeigte bei einem ihrer nur fünf Konzerte in Europa diesen Sommer eine gute, unaufgeregte Performance, wurde aber leider von der Technik im Stich gelassen. Viele Zuschauer ärgerten sich über die zu geringe Lautstärke. Eine Reklamation, die im Verlauf des Festivals noch weitere Male zum Vorschein kommen sollte.

Der zweite Auftritt James Murphys im Sittertobel als LCD Soundsystem - gleich im Anschluss an die Strokes - orientierte sich erfreulicherweise an seinem Konzert an gleicher Stelle im Jahre 2007 und darf als gelungen bewertet werden. Danach wurde das Tagesprogramm auf der Sternenbühne im Zelt von der italienischen Bloody Beetroots Deathcrew 77 abgeschlossen, die die begeisterten Zuschauer einem mächtigen Elektro-Gewitter aussetzte und in der Nachlese vielerorts als das Konzert-Highlight des ganzen Festivals eingestuft wurde.

Am Samstagnachmittag brachten Fettes Brot bei strahlendem Sonnenschein das Publikum arg ins Schwitzen. Danach präsentierte sich die Londoner Indie-Rockband White Lies. Und der Auftritt überzeugte. Mit einer sympathischen und motivierten Show liessen die White Lies ihren 75-minütigen Slot in Windeseile verstreichen.

Den Headlinerposten am Samstagabend besetzten die Briten von Kasabian. Mit der Referenz als Vorband von Muse, U2, Oasis und Konsorten traf die Band auf ein erwartungsfrohes Publikum. Trotz eines engagierten und (wohl auch) guten Auftritts wollte der Funke aber nicht so richtig auf die Zuschauer überspringen. Der Grund: es war noch leiser als bei den Strokes am Vortag.

Umso mehr sprang der Funke aber im Anschluss. Das belgische Elektro-Duo 2 Many DJs lieferte eine hervorragende Darbietung mit ihren Mashups ab, die im Hintergrund von tollen Visuals begleitet wurden. Den letzten Slot der Sternenbühne belegte wie am Vortag ein weiterer Elektro-Act. Der Franzose Vitalic stand seinen 'Vorgängern' in nichts nach und bot ebenfalls einen soliden Auftritt, der von den Zuschauern positiv aufgenommen wurde.

Den Abschluss fand das Open Air St. Gallen am Sonntag mit Konzerten von Ellie Goulding, Jamie Lidell und Billy Talent auf der Hauptbühne, während auf der Sternenbühne noch mit The Big Pink und Hurts zwei aufstrebende Independent-Acts auftraten.

Das Positive überwiegt

Zurück bleibt - trotz einiger Ungereimtheiten - ein überwiegend positives Fazit. Während die mangelhafte Soundqualität vor allem bei den Headlinern The Strokes und Kasabian zwar stark ins Gewicht fiel und auf die Stimmung drückte, sorgte dafür die Umplatzierung des Mischturms vor der Hauptbühne weiter nach hinten für angenehme, zusätzliche Fläche. Dazu bewies man bei der Auswahl der Elektro-Acts, deren Shows durchs Band vom Publikum gefeiert wurden, ein äusserst gutes Händchen.

Auch die fehlenden 6'000 Zuschauer schmerzten die Besucher wohl nicht so sehr wie die Veranstalter. Nach den ausverkauften Ausgaben zuvor war das Gelände dieses Jahr für einmal nicht so überfüllt wie früher. Dies äusserte sich vor allem in kaum vorkommenden Wartezeiten und einer guten Verfügbarkeit freier Zeltplätze.

Abschliessend sei noch ein Blick in die Zukunft erlaubt. Zu wünschen ist - aus subjektiver Sicht - dass das Festival seiner musikalischen Ausrichtung treu bleibt.

Aus wirtschaftlicher Sicht werden die Organisatoren vielleicht darüber nachdenken müssen, eine oder zwei 'Liebhaberbands' durch eine Gruppe mit grösserem Namen zu ersetzen. Bands wie The Prodigy oder Cypress Hill, die im Vorjahr in einem eher schwächeren Line-Up am Open Air St. Gallen auftauchten, sorgen halt in der heutigen Zeit immer noch dafür, dass sich ein Besucher an ein Festival begibt, auch wenn nur eine kleinere Anzahl Bands seinem Geschmack entsprechen.

Zu überdenken gilt es wohl auch die Einfuhrlimitierung. Hier wäre zumindest eine Lockerung angebracht. Auch in Anbetracht dessen, dass im Endeffekt am Festival selber die Regelung nicht so strikt durchgezogen wurde, wie zuvor gross angekündigt.

2011 heisst der Konkurrent Roskilde

Im nächsten Jahr findet das Open Air St. Gallen vom 30. Juni - 03. Juli 2011 statt. Damit kollidiert es zum ersten Mal seit längerer Zeit nicht mehr mit dem legendären Glastonbury Festival in England, das jeweils zahlreiche, sehenswerte Acts für sich beansprucht hat. Doch allzu grosse Vorfreude ist nicht angesagt. Zumindest das Roskilde Festival findet nämlich (nun wieder) am selben Wochenende wie das Open Air St. Gallen statt. Mit dem Rock Werchter und den Eurockéennes in Belfort tragen zudem noch zwei weitere Konkurrenten vermutlich zur gleichen Zeit ihr Festival aus. Deren Termine sind aber noch nicht bestätigt.

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