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Innovativ und äusserst mutig

Das Bargeld verschwindet aus dem Sittertobel

Mittwoch, 13. Februar 2013, 11:27 Uhr. elb. Wird eine Neuerung eingeführt, ist der Aufschrei meist gross. So auch gestern, nachdem das Open Air St. Gallen die Einführung des «bargeldlosen Bezahlens» auf dem kompletten Gelände angekündigt hatte. Die Änderung macht aber durchaus Sinn. Am Open Air St. Gallen 2013 wird nur noch mit einem Chip bezahlt. Photo: Pierre Lippuner Am Open Air St. Gallen 2013 wird nur noch mit einem Chip bezahlt.
Die Veranstalter haben sich also dafür entschieden. Nach der Probephase mit dem «Cashless Payment» im vergangenen Jahr im Backstage-Bereich bezahlen die Besucher ab diesem Sommer an sämtlichen Verpflegungs- und Merchandiseständen am Open Air St. Gallen ausschliesslich über einen vorgängig mit Geld aufgeladenen Chip, der in den Festivalbändel integriert ist. Was seit 2011 an einem der grössten Festivals Europas, dem Sziget in Ungarn mit über 400'000 Gästen, erfolgreich durchgeführt wird und bei vielen weiteren Majorfestivals auf dem Kontinent in fortgeschrittener Planung steht, soll nun ebenfalls im Sittertobel Fuss fassen.

Grundsätzlich sinnvolle Massnahme
Diese gravierende Umstellung hat bei der gestrigen Bekanntmachung in den sozialen Netzwerken für einiges Aufsehen gesorgt. Die Vorwürfe reichten dabei von «Geldmacherei» über «Blödsinn» bis hin zu düsteren Prognosen («Das wird ein Desaster»). Betrachtet man die ganze Angelegenheit allerdings mit etwas Weitsicht (und informiert sich ein wenig..), erscheint die Lancierung des neuen Bezahlsystems aber im Grossen und Ganzen sinnvoll.

Wo liegen die Vorteile? Sämtliche Bestellvorgänge an den Ständen werden deutlich schneller abgewickelt werden können. Das Warten auf Wechselgeld entfällt und wird durch die Zahlung über den elektronischen Chip in Sekundenschnelle abgefertigt. Zudem ist dadurch auf dem gesamten Gelände bei Betreibern und Besuchern deutlich weniger Bargeld im Umlauf. Die Abgabe von Trinkgeld ans Personal - ein öfters angesprochenes Thema - ist übrigens dennoch möglich. Es kann beim Bezahlvorgang direkt vom Chip abgezogen werden, wie auch das noch verfügbare Guthaben bei jedem Kauf direkt an Ort und Stelle auf dem Display der Kasse angezeigt wird.

Erhöhte Diebstahlgefahr?
Volle Portemonnaies in den Taschen der Besucherinnen und Besucher sollen der Vergangenheit angehören. Dass die «wertvolleren» Festivalbändel nun vermehrte Aufmerksamkeit von Dieben geniessen dürften, liegt auf der Hand. Die Organisatoren mahnen denn auch, gut auf den Bändel aufzupassen. Die Gefahr des Diebstahls eines am Handgelenk getragenen Chips erscheint dann aber doch erheblich geringer als der Verlust von Wertsachen aus einer Hosentasche oder dem Zelt.

Weitere Sorgen machen sich die Kritiker über allfällige Warteschlangen an den Aufladestationen. Dieser Herausforderung wollen sich die Veranstalter mit einer grossen Anzahl sogenannter «Cash-Points» und «Loader» stellen, wie Mediensprecherin Sabine Bianchi gegenüber openairguide.net erläuterte. Erfahrungswerte hätten gezeigt, dass eine solche Station für 800 Leute ausreiche. Am Open Air St. Gallen 2013 werde man aber die doppelte Anzahl im Einsatz haben. Diese würden verteilt auf dem gesamten Gelände und an den Eingängen zur Verfügung stehen, so Bianchi. Betrieben werden die Stationen 24 Stunden am Tag, zwischen 04:00 und 08:00 Uhr in reduziertem Ausmass.

Besucher wird nicht «gläsern»
Da die Chips nicht persönlich registriert, sondern beim Bändeltausch frei abgegeben werden, besteht auch nicht direkt die Gefahr eines «gläsernen» Festivalbesuchers. Die in der heutigen Zeit häufig aufkommende Unsicherheit bezüglich des persönlichen Datenschutzes bleibt laut Bianchi in diesem Fall unbegründet: «Die Besucherdaten werden nicht mit Konsumationen verknüpft. Das Konsumverhalten kennen wir ja bereits von den Umsatzzahlen.»



Mit dem generellen Ausstieg von PostFinance aus allen Schweizer Festivals hat die Einführung des «Cashless Payment» im Übrigen nichts zu tun. «Das war ein strategischer Entscheid (der PostFinance) und hat nichts zu unserem Entschluss beigetragen», sagt die Sprecherin. Weiters sei zum jetzigen Zeitpunkt nicht klar, ob und was als Ersatz für die PostFinance Lounge im Juni 2013 im Sittertobel aufgebaut werde.

Gurtenfestival 2013 eventuell auch mit elektronischen Chips
Auch an anderen Schweizer Festivals ist das bargeldlose Bezahlen schon länger ein grosses Thema. Hatte das Zürich Openair im vergangenen August erstmals mit seinem (gar kurzfristig eingeführten) Jetonsystem etwas Wirbel verursacht, planen die Organisatoren des Gurtenfestival ihr Festival im Juli 2013 möglicherweise ebenfalls komplett mit den Chips als Zahlmittel auszurüsten. Wie in St. Gallen wurde im Vorjahr auch auf dem Berner Hausberg ein Testlauf durchgeführt. Gemäss einer Aussage des Gurtenfestival-Sprechers Michael Guenter im «20 Minuten» falle die definitive Entscheidung diesbezüglich in den nächsten Wochen.

In diesem Zeitraum ist wohl auch mit der Bekanntgabe zu rechnen, dass das Open Air St. Gallen 2013 ausverkauft ist. Aktuell, viereinhalb Monate vor seiner Austragung, sind nämlich nur noch 5'000 der ursprünglich 30'000 verfügbaren Tickets erhältlich. Nur einen Tag nach der Lancierung des bargeldlosen Bezahlens vermeldet das Open Air St. Gallen viereinhalb Monate vor der Durchführung (!) seinen Ausverkauf. Das «Cashless Payment» wird seine Feuertaufe im vollen Sittertobel erleben.
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