Startseite   ›  Magazin   ›  Vom Kuriosum zum Spektakel: der Donnerstag am Zürich Openair 2013
Montag, 02. September 2013, 17:09 Uhr. elb. Der Schweizer Festivalsommer 2013 ist in seinen letzten Zügen: Zum Ausklang gab es dieses Wochenende am Zürich Openair mit den Nine Inch Nails und Franz Ferdinand noch einmal zwei Saisonhöhepunkte zu verbuchen. Teil 1 des Rückblicks: Der Donnerstag. Poliça eröffneten das Zürich Openair 2013 vor einer Handvoll Zuschauer. Photo: Poliça eröffneten das Zürich Openair 2013 vor einer Handvoll Zuschauer.
Aller Anfang ist schwer: 16:15 Uhr am Donnerstag. Tatort: Rümlang, Zeltbühne. Die von Bon Iver geadelten Poliça spielen seit knapp einer Viertelstunde. Vor ungefähr 20 Zuschauern. Was ist da genau los?

Erfahrungsgemäss kommt das Zürich Openair nicht ganz ohne sichtbare Probleme aus den Startlöchern. Das ist auch bei der dritten Auflage nicht anders. Eine Stunde nach geplanter Türöffnung sind die Eingänge offiziell noch immer verschlossen, die Aufbauarbeiten auf dem Rümlanger Acker weiterhin im Gange. Bagger walzen Matsch platt, Banner werden auf Gerüsten montiert. Nach den Regenfällen der vergangenen Tage habe es Verzug bei den Arbeiten gegeben, heisst es.

Irritationen zum Auftakt
Für die vierköpfige Band um die bedauernswerte Channy Leaneagh ist das sonderbare Setting mit dem zunächst ausgestorbenen Bühnengraben sichtlich irritierend. Zusammen mit Bassist Chris Bierden und den beiden Schlagzeugern Ben Ivascu und Drew Christopherson taut Leaneagh allerdings von Song zu Song vor der tröpfchenweise anwachsenden Schar auf. Die betörende Wirkung der druckvollen R'n'B-Beats in Kombination mit der mal verhallten, mal mit Autotune verzerrten Stimme vermag sich trotz nachmittäglicher Zeit durchaus zu entfalten.

Neues Songmaterial wird ebenfalls präsentiert: Auf die treibende Synthpop-Nummer «Chain My Name» macht sich hernach allerdings erneut Irritation breit. Etwa sieben Mal mehr Zuschauer als noch vor Stundenfrist erleben ein abruptes Konzertende, weil sich die Sängerin in der Setlist geirrt hat. Beim «Sorry, I thought this was our second last song» ist der Rest der Band schon fast komplett von der Bühne; sinnbildliches Ende eines rumpeligen Festivalbeginns.

Blues-Rocker im Breakdance-Outfit: «Let It E»
Lediglich zwei Stunden später ist der harzige Start des Zürich Openair 2013 aber bereits vergessen. Gerade haben die verschrobenen Eels an selber Stelle ein unterhaltsames Bluesrock-Set abgeliefert. Die fünf Amerikaner mit ihren ungezähmten Haaren und Bärten erinnern zum Teil äusserlich an Helge Schneider und verleiten mit ihrem einheitlichen Dresscode aus schwarzen 80er-Jahre-Trainingsanzügen zu manchem Schmunzler. So lässt es sich auch verkraften, dass die Setlist den einen oder anderen Song vermissen lässt und alles deutlich rockiger und ergo etwas stumpfer daherkommt als auf Platte.

In Erinnerung bleibt aber die kurzweilige Konzertstunde eines Kollektivs, das mit einer Portion Schalk seinen Zusammenhalt auf der Bühne zelebriert: Songschreiber Mark «E» Everett honoriert seine Mitmusiker für gute Leistungen laufend mit einer Umarmung. Diese wiederum ehren ihren Anführer bei der witzigen Mitglieder-Präsentation, wo mit Hilfe angepasster Jingles alter Klassiker (The Who's «Who Are You» oder Boney M's «Gotta Go Home») alle einzeln vorgestellt werden: Für den Chef gibt es eine Beatles-Persiflage mit dem Titel «Let Me E».


Video: Youtube / Reto Hochstrasser

Nie dagewesenes Konzeptspektakel
Zu diesem Zeitpunkt - während das nordirische Trio Two Door Cinema Club mit seinem elektronisch angehauchten und ungemein eingängigen Indie-Rock auf der ambitioniert beleuchteten Zeltbühne eine ausgelassene Stimmung kreiert - prägen neben den allgegenwärtigen Turnbeuteln bereits unzählige Bandshirts des abendlichen Headliners das Bild des 12'000 Zuschauer umfassenden Publikums, das der erste Festivaltag nach Rümlang gelockt hat. Und die Fans der Nine Inch Nails werden nicht enttäuscht - ganz im Gegenteil: Was Trent Reznor mit seiner Band am Zürich Openair 2013 abliefert, ist konzeptionell die wohl spektakulärste Licht- und Bühnenshow der vergangenen Jahre auf einer Schweizer Festivalbühne.

Gleich drei Songs in Folge vom nagelneuen, eher elektronischeren Album «Hesitation Marks» präsentiert Reznor zum Auftakt. Zunächst steht er allein auf der Bühne, nach und nach tragen und schieben Helfer mehr Instrumente hinein, seine Begleitmusiker stossen nun ebenfalls mannweise hinzu. Visuell ist der Konzertanfang schlicht, aber nicht minder wirkungsvoll gehalten: fünf frontal positionierte, grosse Scheinwerfer werfen die Schatten der in einer Reihe aufgestellten Musiker auf Leinwandelemente, die unmittelbar hinter ihnen platziert sind.


Video: Youtube / Reto Hochstrasser

Bereits der zweite Song «Disappointed» lässt erahnen, wie minutiös durchgeplant die gesamte Show ist und in welche Richtung es effekttechnisch an diesem Abend gehen könnte. Zwei sich hin und her bewegende Techniker leuchten vom vorderen Bühnenrand aus kürzester Distanz mit tragbaren Scheinwerfern vor allem Trent Reznor noch stärker aus.

Mobile Leinwände, pompöses Licht
Schlag auf Schlag geht es weiter: ab «1,000,000» herrscht reges Treiben auf der Bühne, zig Helfer wieseln mehr oder weniger versteckt umher. Das «reguläre» Schlagzeug taucht nun zwischen zwei der sieben Leinwandpanels auf, die sich als verschiebbar erweisen und später dann zwischen fast allen Liedern herumgeschoben, manchmal sogar während einzelner Songs neu positioniert werden sollten. Auch in Sachen Licht nimmt das gigantische Spektakel unentwegt seinen Lauf: Über 20 Scheinwerfer sind an der Bühnenfront in einer Reihe montiert, auf beiden Bühnenseiten steht je nochmals ein Turm mit zwölf Spots, von den 72 weiteren Lichtern im Hintergrund ganz zu schweigen.

Besonders beeindruckend die Performance von «Closer». Für den knapp 20 Jahre alten Song aus dem denkwürdigen Album «The Downward Spiral» taucht Trent Reznor's durch Filter verzerrtes Gesicht in Grossformat auf zwei nun in der rot eingetauchten Bühnenmitte nebeneinander aufgestellten Leinwänden auf - inmitten eines pulsierenden, roten Wolkenmeers. Nach etwa einer Minute öffnen sich diese beiden Panels von Geisterhand und lassen Reznor in Front einer Kamera erkennen.


Video: Youtube / Joshua James

Mit einem weiteren Klassiker aus der Schmiede der Nine Inch Nails als einziger Zugabe kommt es schliesslich nach knapp 80 Minuten zum würdigen Ende: «Hurt». Viel Passenderes als diesen Song, der dank der Coverversion von Johnny Cash zum Welthit avancierte, gibt es für diesen Moment nicht. Der krönende Abschluss eines umwerfenden Auftritts, von dem es laut Reznor in absehbarer Zeit auf Schweizer Boden eine Wiederholung geben dürfte: «We will be back next year.»

Teil 2 des Rückblicks folgt morgen Dienstag..
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