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Wenn Fragezeichen zurückbleiben

Weder Hit noch Vogel - So waren MGMT in Zürich

Montag, 07. Oktober 2013, 14:10 Uhr. elb. Der anderthalbstündige Trip mit MGMT gestern im Zürcher Komplex 457 war eine äusserst schmale Gratwanderung zwischen psychedelischem Rock und einstigen Pophits, die das Publikum teils ratlos zurückliess. Das Auge isst mit: MGMT bei ihrem Auftritt Ende September 2013 in Stockholm. Photo: Screenshot / Youtube, Louise Roempke Das Auge isst mit: MGMT bei ihrem Auftritt Ende September 2013 in Stockholm.
Den New Yorkern Andrew VanWyngarden und Ben Goldwasser muss man ja vor allem eines zugutehalten: Als MGMT gehören sie zur überwältigenden Minderheit der Bands der modernen Popgeschichte, die musikalisch machen, was sie wollen. Hatten sie anfangs mit ihren ersten Songs gleich eine Handvoll Evergreens kreiert und sich sprunghaft zu einem Hoffnungsträger einer Indie-Generation gemausert: ihnen egal. Konsequent gehen die zwei Amerikaner seit je her unbeirrt ihren eigenen Weg. Im Psychedelic-Rock anzusiedelnde Melodieideen und Störgeräusche haben Refrains und Songstrukturen verdrängt. Und doch selbst im Wissen dieser inzwischen klar gewordenen Ausgangslage wurde man nach dem gestrigen Konzert im Komplex 457 nicht ganz schlau, was da in den 90 vorangegangenen Minuten genau abgelaufen war.

Visuell eindrücklich
Dominiert wurde die Show von aufwändigen Visuals, die abgestimmt auf jeden einzelnen Song auf einer riesigen Leinwand hinter der sechsköpfigen, zum Teil mit kurligen Typen besetzten Band vorbeizogen. Zum Auftakt mit dem neuen «Alien Days» bewegte sich im Hintergrund ein undefinierbares 3D-Wesen, beim Tophit «Time To Pretend» erschienen erstmals die klassischen «psychedelischen Farben» und dreidimensional umrissene Musiker wurden auf dem Bühnenbild in verzerrte Regenbogen-Farbtöne getaucht, von gelb über hellgrün, cyan, dunkelblau, violett bis rot. «Flash Delirium» begleiteten blinkende Schwarz-Weiss-Sterne, «Weekend Wars» und «Of Moons, Birds & Monsters», wo sich auf der Leinwand ein Vogel auf eine Reise durch das Universum und erneut farbig gestörte Bildsequenzen begab, rundeten schliesslich den verheissungsvoll verlaufenen ersten Teil des Auftritts mit mehrheitlich älteren Songs ab.

Was im Anschluss folgte, war während langer Zeit ein dahinplätscherndes Psychedelic-Rock-Noise-Wirrwarr. Selbst das kann auf einer Bühne durchaus funktionieren, wenn es in sich stimmig ist. So wie es die australischen Tame Impala vor sechs Wochen an selber Stelle während zwei Dritteln ihres Auftritts einigermassen gut hingebracht hatten, ehe es allerdings auch da langweilig geworden war. Bei MGMT gestern wollte in dieser monotonen Phase aber grösstenteils kein gedankliches Abdriften gelingen, zu abstrakte Melodie und zu viele Nebengeräusche waren zu grosse Hindernisse. Einzig gegen Schluss des über zehnminütigen «Siberian Breaks» schien es langsam zu dämmern zu beginnen, doch da hatten die ersten Töne von «Electric Feel» bereits wieder aus der Lethargie geweckt.

Der Überhit aus der anderen Perspektive
Und dann kam «Kids». Der Song, auf den so viele gewartet hatten, was leicht an den grüppchenweisen Zuschauern zu erkennen war, die ein paar Minuten später ihre Plätze verlassen sollten. Sie wurden zunächst aber noch Zeuge einer ziemlich ironischen Darbietung. Ben Goldwasser lancierte den Überhit von den Keyboards aus mit einem runtergezählten Countdown, derweil VanWyngarden und Gitarrist James Richardson kurz je einen ihrer Arme volksfestmässig im Takt umherschwangen. Es handelte sich sicherlich nicht um den am liebsten gespielten Song der Band, das wurde hier augenscheinlich, auch wenn sie ihn mit einem netten elektronisch hinterlegten Jam - dem Höhepunkt der zweiten Konzerthälfte - noch um mehrere Minuten ausdehnten.

Was MGMT dem Zürcher Publikum an diesem Sonntagabend mit auf den Weg geben wollten, bleibt auch heute nicht schlüssig erklärbar. Wollten sie eine Scheinwelt anprangern, wie wortwörtlich bei ihrer ersten Zugabe «Your Life Is A Lie», wo ein im Vorfeld auserkorener Fan showmässig auf einer übergrossen, aber stummen Cowbell den Takt mitschlagen durfte? Oder wollten sie die Zuhörer in eine solche Fantasieebene abtauchen lassen? Oder wollten sie mit ihren alten Hits unterhalten? Die Rechnung mit allem zusammen ging gestern nicht wirklich auf. Dazu war die Show trotz beeindruckender Visuals zu wenig stringent und die Kluft zwischen den psychedelischen, aber mässig wirkungsvollen Rockjams und den eingängigen Pop-Hits definitiv zu gross. Eine Erkenntnis gab es aber dennoch: Für die hiesigen Mainstream-Festivals dürfte die Band so in Zukunft vermutlich nicht mehr zum grossen Thema werden.
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