Startseite   ›  Magazin   ›  Mit wenig viel bewirken - So war Passenger in Zürich
Montag, 18. November 2013, 11:16 Uhr. elb. Die Erfolgsgeschichte des Singer-Songwriters Passenger zum internationalen Popstar könnte aus einem Hollywood-Drehbuch stammen. Im Wesen ist er aber dennoch Strassenmusiker geblieben - und hat damit am Samstag in Zürich begeistert. Wenn Gitarre und Gesang ausreichen: Passenger am Samstag im vollen Komplex 457. Photo: René Ziegler Wenn Gitarre und Gesang ausreichen: Passenger am Samstag im vollen Komplex 457.
Das Gekreische und der Jubel sind ohrenbetäubend, als Mike Rosenberg vorgestern die Bühne des seit Juli ausverkauften Komplex 457 betritt. Lediglich mit einer Gitarre und einem Mikrofon ist der diesen Frühling unter dem Künstlernamen Passenger weltweit berühmt gewordene Singer-Songwriter an diesem Abend ausgestattet. Mehr wird auch nicht nötig sein.

Nicht anders als vorher
Jahrelang hat sich Rosenberg als Strassenmusiker seine Sporen abverdient, in Pärken oder Pubs performt. Wie er nun da allein in Zürich auf der Bühne steht, drängt sich von Anfang an der sympathische Eindruck auf, dass es für den Engländer mit der nasalen Stimme keine Rolle spielt, ob er vor einer Handvoll Leuten oder über zweitausend Zuschauern seine Geschichten erzählt und Songs singt. Da bieten sich angesichts seines urauthentischen Auftretens rasch durchaus mutige Vergleiche mit den ganz grossen Exponenten der (ehemaligen) Strassenmusikergilde an, die den Sprung auf die internationalen Bühnen schon länger geschafft haben - wie Glen Hansard oder Damien Rice.

Laufend geht Passenger auf seine Schweizer Anhänger ein, ist hochaufmerksam, wenn er über die Bühne wandelt und nonverbal mit einzelnen Zuschauern interagiert. Ein grelles Kameralicht, ein gefaktes Niesen, ein Song-Wunsch auf einem in die Höhe gehaltenen Karton («Staring At The Stars», das er später spontan noch als erste Zugabe spielen wird): Nichts entgeht ihm.

Geschichtenerzähler erster Güte
Rosenberg ist ein begnadeter Erzähler und Entertainer. Das Publikum begrüsst er mit einem entwaffnenden «I'm going to ruin your saturday night and play some really, really fucking depressing music». Regelmässig baut er während den Songs witzige Kommentare ein - beispielsweise in Verbindung mit Los Angeles und Botox - oder leitet sie mit Anekdoten aus seinem Leben ein. Das ist mal beste Comedy, wenn er über die Grimassen still niesender Konzertbesucherinnen in Kanada oder unbeachtete Auftritte in verwinkelten Ecken kleiner Pubs spricht. Es ist dann aber auch der komplette Gegenpart, nämlich beklemmend und traurig, wenn er vor dem neuen Song «Riding To New York» von der nächtlichen Begegnung mit einem krebskranken Rocker in Minneapolis berichtet, welcher sich auf einem letzten Roadtrip zu seiner Familie an die US-Ostküste befindet.

Das gesamte Set ist eine höchst unterhaltsame Achterbahnfahrt der Emotionen mit vielen Höhepunkten. Glückseligkeit und Ausgelassenheit wechseln sich mit intimen Momenten des Innehaltens ab. Die gesamte Palette wird bedient. Das wird vom altersmässig bunt durchmischten, mehrheitlich jung und weiblichen Publikum würdig honoriert, das dem Musiker gegenüber viel Respekt zeigt und praktisch die ganze Zeit andächtig lauscht. Wenn Rosenberg die Gitarre für das unverstärkte «Blind Love» ausstöpselt, ist es gar so ruhig, dass man zeitweise nur noch die (unwirksame) Lüftung der Location hört.

Umso euphorischer sind die Zuschauer dafür bei der kurzen «Get Lucky»-Einlage, die nahtlos in die ersten Töne von «Let Her Go» übergeht, dem Radiohit, der aus dem umhertingelnden Strassenmusiker Passenger einen internationalen Popstar gemacht hat. Laut wird dazu im Chor mitgesungen, wie auch bei den nicht minder stimmungsvollen «Holes» oder «I Hate».




Videos: Youtube / Ajatuksia86

Wahre Worte
Letzteres hält mitunter dem Publikum auf ziemlich herrliche Weise den Spiegel vor. So feiert da ausgerechnet das sich auf Wochenendausflug befindende Blauringgrüppchen aus dem Thurgau die Textzeile über den Hass auf schwatzende Konzertbesucher frenetisch, das beim gemütlichen Auftritt des mit viel Kopfhaar gesegneten Supportacts, Freundes und Passenger-Tourmanagers aus Australien, Stu Larsen, zuvor selbst lauthals gebrabbelt hatte. Und wenn bei «Life's For The Living» trotz expliziter Bitte zunächst noch das eine oder andere filmende Smartphone zu sehen ist, entbehrt das ebenfalls nicht einer gewissen Ironie.

Ob alle Messages bis zur nächsten Schweizer Show von Passenger bei sämtlichen Zuschauern angekommen sein werden, wird sich zeigen. Klar dürfte aber sein, dass dieses Konzert dann nicht mehr im Komplex 457 stattfinden wird. Zusammen mit den bis dahin garantiert weiter dazukommenden Fans und den 2200 Zuschauern vom Samstag, die mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit erneut wieder dabei sein werden, wird die Location in Zürich-Altstetten nämlich definitiv zu klein sein.
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